Der neue paten 1/2015

Liebe Leserinnen
und Leser,

öffentlich gewordene Kindesmisshandlungen, die kontinuierliche Berichterstattung darüber in der Presse und die Fachdiskussionen in verschiedenen Ausschüssen führen und führten zu Veränderungen in der Jugendhilfepraxis. Gesetze zum Kinderschutz wurden präzisiert und die Erörterung der Rechte der Kinder ist vorangeschritten. In den vergangenen Jahren ist ein kontinuierlich ansteigender Trend zu erkennen, dass vermehrt Kinder durch Jugendämter in Obhut genommen wurden. In der weiteren Folge werden auch Kostendebatten geführt, weil die sowieso engen Haushalte der Kommunen schwer planbar und kaum kalkulierbar sind, wenn die Erfüllung von Pflichtaufgaben keinen Handlungsspielraum lässt – und wenn anstatt Kostensteigerungen Sparmaßnahmen (entgegen der tatsächlichen Praxis) gefordert sind. Inobhutnahmen sind teure Maßnahmen und es werden Fragen aufgeworfen um die Wirksamkeit von Hilfen, über das Verhältnis von ambulanten zu stationären Maßnahmen, über das Verhältnis der Eltern zu Pflegeeltern und Rückführungen oder planbarer Dauerhaftigkeit der Hilfe, sowie die Rolle der Heimerziehung im Verhältnis zur Pflegekinderhilfe und über den Umfang der sozialpädagogischen Familienhilfen mit dem doppelten und widersprüchlichen Auftrag, Familien einerseits zu stützen, aber andererseits auch ein ergebnisoffenes Clearing herbeizuführen (auch innerhalb welches Zeitraumes).

Das Pflegekinderwesen bleibt davon nicht unberührt. Einerseits bietet es langfristig mit der Dauerpflege Kindern gute Möglichkeiten, sich in einem intakten Milieu positiv zu entwickeln und korrigierende Erfahrungen zu machen, andererseits ist die Dauerpflege kostengünstiger als Heimerziehung und eine Alternative für viele – längst nicht alle – Kinder, die hoffentlich rechtzeitig aus dem dissozialen Milieu dauerhaft herausgenommen werden, wenn es nötig wird.

Der Auftrag an Pflegefamilien – so verordnen es die Familiengerichte – eine stets zu den Herkunftseltern weit offene Hilfe zu sein, verkennt deren Lebensrealität und die Hilfebedürfnisse vieler Kinder sowie das praktisch machbare und löst darüber hinaus Verwirrung aus, wie Pflegefamilie im Spektrum der möglichen Hilfen verortet ist. Es gibt Bereitschaftspflegen mit dem Ziel der Abklärung der Perspektive und Dauerpflegen, die dann auch tatsächlich kontinuitätssichernde Unterstützung durch die Fachdienste der Jugendämter erhalten sollten – mit angemessenen Rechtspositionen.

Während viele Jugendämter sich redlich um die Belange der Kinder bemühen und engagiert gelingende Hilfen planen, wird nun in der Kritik zu misslingenden Hilfeverläufen sichtbar, wie diese geradezu lebensweltfremd durch gerichtliche Entscheidungen zu Gunsten von Herkunftseltern konterkariert werden und Kinder weiteren Gefahren ausgesetzt bleiben. Auch Gutachter in den Familiengerichtsverfahren kommen zunehmend unter Erklärungsdruck, weshalb gerade an der Stelle so wichtiger Entscheidungen (Trennung von misshandelten Kindern von der Familie) oft so armselig und elternlastig an den Kindern vorbei begutachtet wird und weshalb Familienrichter dem so oft unkritisch begegnen. Der Untersuchungsausschuss aus Hamburg um die verstorbene Yagmur, die bereits als Pflegekind eine Schutzmaßnahme erhalten hatte, aber infolge unzumutbarer Forderungen der Eltern, denen durch die Fachdienste hinweg sehr unkritisch entsprochen wurde, den Schutz wieder verlor und sterben musste zeigt nun, dass die Fehlerquellen sehr vielschichtig sind. Wir freuen uns, in diesem paten die Resultate und Statements von Experten darlegen zu dürfen. Solche Tragödien wie die von Yagmur, Alessio u.v.a.m. zeigen exemplarisch die Abwehrreflexe gegen das, was eigentlich nicht sein darf, aber ist und bieten die Chance zu Kurskorrekturen im Pflegekinderwesen. Die Korrekturen der obersten Gerichte hin zu noch mehr Elternrechten gehen (für diese Kinder) in genau die falsche Richtung und fordern den Gesetzgeber in nie dagewesener Klarheit offensichtlich zu Änderungen auf, explizit gefährdete Kinder mit eindeutigen Gesetzen besser zu schützen und die Rechtspositionen von Pflegeeltern zu verbessern, damit Jugendämter nicht vor paradox unlösbare Aufgaben gestellt werden oder bleiben.

Viel Freude beim Lesen wünschen Ihre
Susanne Schumann-Kessner
und Ihr
Christoph Malter

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