Forschungsprojekt der Universität Wuppertal sucht Pflegefamilien

Wie leben Kinder in Pflegefamilien, wie gestalten sie ihren Alltag und wie ihre Beziehungen zu wichtigen Bezugspersonen? Was belastet sie und was man ihnen Freude? Wir möchten erfahren, wie Kinder ihr Leben subjektiv wahrnehmen und deuten und was sie aus ihrer Sicht zur Bewältigung ihres Alltags und auch ihrer Probleme brauchen. Das Wissen hierzu und vor allem aus Sicht der Kinder ist bisher zu wenig erforscht. Die gewonnenen Erkenntnisse des Forschungsprojekts sollen unmittelbar in die aktuellen Qualitätsdebatten im Pflegekinderwesen einmünden. Finanziert wird das 3-jährige Projekt aus Mitteln des Kinder- und Jugendförderplan NRW.

Obwohl Pflegefamilien seit langem ein festes Angebot der Kinder- und Jugendhilfe sind, wird immer wieder auf fehlende Reformen und notwendige fachliche Diskussionen hingewiesen. In regelmäßigen Abständen entwerfen Verbände in Zusammenarbeit mit Vereinen aus dem Pflegekinderbereich aus Sicht der Praxis „Manifeste zur Pflegekinderhilfe“, benennen Problemanzeigen und stellen Anforderungen für die qualitative Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe. Das 2011 erschienene „Handbuch der Pflegekinderhilfe“ hat die historischen Entwicklungslinien wie rechtlichen Grundlagen, seine Entwicklungen und Umsetzungen in der Praxis sowie notwendige weiterführende Fragen ausführlich zusammengefasst.

Deutlich ist, dass die Bedürfnisse der Pflegekinder vielfältiger und komplexer geworden sind und damit auch die Anforderungen an die Pflegeeltern in hohem Maße gestiegen sind. Viele Kinder in Pflegefamilien haben bereits in jungen Jahren Vernachlässigungen und psychische und physische Gewalt erfahren, die zu traumatischen Erfahrungen geführt haben. Potentielle Pflegeeltern müssen immer intensiver auf ihre Arbeit vorbereitet und langfristig begleitet werden. Die Reaktion der Kinder- und Jugendhilfe auf das veränderte Anforderungsprofil ist indes sehr uneinheitlich, trotz bundesrechtlicher Vorgaben und handlungsleitender Konzeptionen auf Landes- und kommunaler Ebene. Das führt in der Praxis manchmal zu einer „gewissen Beliebigkeit in der Ausgestaltung der Qualität der Pflegekinderarbeit und in den Handlungsorientierungen der Fachkräfte“, so die Autoren des Handbuchs. Deutlich wird dies beispielsweise auch in der Art und im Umfang der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an den Hilfeprozessen.

Die Erfahrungen mit der Auseinandersetzung von Beteiligung von Kindern in stationären Heimeinrichtungen (auch unter dem Aspekt von Kinderschutz) haben aber gezeigt, dass Kinder sich ausdrücklich beteiligen wollen und Beteiligung erheblich zum Erfolg einer erzieherischen Maßnahme beiträgt. Partizipation und Kinderrechte sind grundlegende Qualitätsmerkmale der Kinder- und Jugendhilfe, ihre Bedeutung und Umsetzung aber, insbesondere in den privaten Bezügen von Pflegefamilien, finden noch zu wenig Beachtung.

Das Projekt

Im sozialpädagogischen Forschungsprojekt der Universität Wuppertal „Kindheit in Pflegefamilien zwischen Nähe und Distanz“ stehen die Kinder im Mittelpunkt. Im Fokus steht die Frage, wie Kinder das Leben in ihren – manchmal nur vorübergehend, manchmal auch sehr langfristig – neuen (Pflege-)Familien subjektiv wahrnehmen, deuten und leben. Es geht um das Alltagsleben der Kinder, den Aufbau und die Gestaltung von Beziehungen zur ‚neuen sowie zur alten Familie’, um Fragen von Liebe und Leid, um soziale Netzwerke, um Ressourcen und Belastungen, dem Erkennen eigener (Kinder-)Rechte sowie den Möglichkeiten kindlicher Partizipation in der Vernetzung von Jugendamt, Pflegefamilien und Herkunftsfamilie.

Ein breit zusammengesetzter Beirat (Landesjugendamt Rheinland und Westfalen-Lippe, Jugendämter Wuppertal und Warendorf, Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes NRW, der Paritätische NRW, Institut für soziale Arbeit und der Pflegekinderverband PAN NRW) unterstützt den Transfer in die Praxis.

Wissenschaftliche Ziele des Projekts:
1. Die Erforschung subjektiver kindlicher Wahrnehmungs- und Deutungsmuster von Nähe und Distanz in Pflegefamilien
2. Die Möglichkeit kindlicher Partizipation in der Vernetzung des Bedingungsgefüges Jugendamt, Pflegefamilie und Herkunftsfamilie
3. Die Herausarbeitung von Handlungskonzepten, die eine professionelle Gestaltung des Bedingungsgefüges zwischen Pflegefamilie, Herkunftsfamilie, Jugendamt und Kind ermöglichen
4. Die Herausarbeitung von Nähe und Distanz in den Krisenbewältigungskonzepten der Pflegefamilien, der Jugendämter und der öffentlichen Institutionen, in Bezug auf Fragen des Kinderschutzes.

Datenerhebung:
Im qualitativen Teil der Forschung stehen die Gespräche mit den Kindern im Mittelpunkt. Hierbei werden verschiedene Methoden und Instrumente (Fotos, Netzwerkkarten, Vignetten) eingesetzt. Weiter sind Interviews mit den Pflegeeltern, den Herkunftseltern, Geschwisterkindern und den Fachexperten aus den Pflegekinderdiensten der überörtlichen, freien und öffentlichen Jugendhilfe geplant.

Teilnahme am Projekt:
Wir suchen interessierte Pflegefamilien, die zusammen mit ihrem Pflegekind am Projekt teilnehmen möchten. Deshalb suchen wir insbesondere Mädchen und Jungen im Alter von 8 – 12 Jahren, die seit mindestens einem Jahr in einer Pflegefamilie leben.

Sie wollen mehr Informationen?
Wir vereinbaren ein Gespräch oder kommen gerne zu Ihnen und informieren Sie ausführlich über das Projekt, Ihre Mitarbeit und den zeitlichen Aufwand ihrer Teilnahme.

Durchführung und Kontakt:
Dr. Thomas Swiderek, Prof. Dr. Heinz Sünker, Dipl. Soz.-Wiss. Silvia Ramsel
Bergische Universität Wuppertal
Gaußstr. 20
42119 Wuppertal
0202-439/2166 und 0173-2617883
swiderek@uni-wuppertal.deswiderek@uni-wuppertal.deswiderek@uni-wuppertal.de

Flugblatt Pflegefamilien
Flyer zum Projekt